1. – 13. Schuljahr

Judith Hollenweger Haskell

Schulische Standortgespräche

Förderplanung als Teil der Unterrichtsplanung: ein Beispiel aus der Schweiz

Das „Schulische Standortgespräch (SGG) ist ein Instrument zur Bearbeitung von schulischen Lern- und Leistungsproblemen, das handlungsrelevantes Wissen generiert. Gemeinsam erarbeiten Lehrkräfte, sonderpädagogische Fachkräfte, Eltern und Kinder ein situationsbezogenes Problemverständnis, das als Grundlage für die kooperative Planung und Gestaltung von inklusivem Unterricht dient.

Das SGG: ein bewährtes Verfahren
Das „Schulische Standortgespräch (Bildungsdirektion 2007, Hollenweger & Luder 2010) wird seit 2007 in der Volksschule im Kanton Zürich (Kindergarten bis Sekundarstufe 1) eingesetzt und hat sich seitdem auch in vielen anderen Kantonen der Schweiz etabliert. Das Verfahren soll es Schulen erleichtern, die ihnen direkt zur Verfügung gestellten Mittel für schulhausnahe, sonderpädagogische Maßnahmen möglichst sinnvoll, transparent und flexibel einzusetzen.
Alle Schulen arbeiten mit einem dreistufigen Fördermodell (vgl. Bildungsdirektion 2018, S. 15), das die Förderung aller Schülerinnen und Schüler umfasst. Bei den in der Schule häufig auftretenden Lern- und Verhaltensproblemen (betrifft ca. 20 % der Schülerinnen und Schüler) wird auf das Erstellen eines Gutachtens verzichtet. Stattdessen dient das SSG als „Gate-Keeper zwischen den Förderstufen 1 und 2. Verdichtet sich aufgrund eines SSG der Verdacht auf eine Beeinträchtigung der Körperfunktionen und somit auf eine beim Kind feststellbare Behinderung, wird das „Standardisierte Abklärungsverfahren (SAV, EDK 2014) durchgeführt (betrifft ca. 35 % aller Schülerinnen und Schüler, Förderstufe 3).
Kasten 1: Was beinhaltet die ICF?
Kasten 1: Was beinhaltet die ICF?
Die International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) ist eine gesellschafts- und kulturübergreifende Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation, die 2001 erstmals von der WHO herausgegeben wurde. Sie kann grundsätzlich bei jeder Person angewendet werden, unabhängig davon, ob diese von Behinderung betroffen ist oder nicht. Sie steht immer in Verbindung mit Fragen zur Gesundheit und ist nicht unabhängig davon anwendbar. In deutscher Sprache liegt sie als „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit vor. Sie hat zwei Teile: Funktionsfähigkeit und Behinderung sowie Kontextfaktoren. Im Teil „Funktionsfähigkeit und Behinderung gibt es zwei Komponenten: „Körperfunktionen und -strukturen sowie „Aktivitäten und Partizipation. Die „Kontextfaktoren untergliedern sich wiederum in Umweltfaktoren und personbezogenen Faktoren. Diese Untergliederungen ermöglichen es, ein relativ genaues Bild des körper-lichen Zustandes einer Person und seiner „Funktionsfähigkeit in spezifischen Situationen zu zeichnen. Explizit wird dabei nicht der Mensch als Ganzes beschrieben, sondern die Betrachtung auf die rein körperliche, funktionale Ebene beschränkt.
Sowohl das SSG als auch das SAV basieren auf der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (International Classification of Functioning, Disability and Health ICF, WHO 2001, deutsch 2005, vgl. Kasten). Die ICF berücksichtigt nicht nur Einschränkungen der Körperfunktionen und -strukturen (z.B. Funktionen der Aufmerksamkeit, Funktionen des Sehens), sondern auch Aktivitäten (Fokussieren von Aufmerksamkeit, Zuschauen). Separat davon erfasst es, ob Schülerinnen und Schüler in der aktuellen Umgebung (Umweltfaktoren) diese Aktivitäten auch tatsächlich ausführen (Partizipation, Teilhabe).
Bei häufig auftretenden Lern- und Verhaltensproblemen ist die Unterscheidung zwischen funktionalen Einschränkungen des Kindes und schwierigen Lebens- und Lernbedingungen meist kaum möglich. Deshalb konzentriert sich das Verfahren „Schulisches Standortgespräch auf die Frage, wie die schulische Beteiligung (Partizipation/Teilhabe)...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen