1. – 13. Schuljahr

Ricarda Darm

Das Weltreligionenparadigma

Zentrale Probleme des Konstrukts für den inklusiven Werte- und Normen-Unterricht

Religiöse Diversität zeigt sich im Schulunterricht vielfach über die Thematisierung der klassischen fünf Weltreligionen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden untersucht, verallgemeinernde Aussagen getroffen. Aus religionswissenschaftlicher Perspektive ist dies jedoch als äußerst kritisch zu bewerten Stereotypen entstehen, Vorurteile verfestigen sich. Nach einem theoretischen Überblick gibt der Beitrag daher Hinweise, wie sich die Grenzen des bisherigen Religionsverständnisses unterrichtlich hinterfragen und aufbrechen lassen.

Mit Blick auf Religion bzw. religiöse Diversität im schulischen Unterricht wird Inklusion häufig aus der Perspektive der interkulturellen bzw. interreligiösen Pädagogik entworfen und praktisch gestaltet. Konkret bedeutet dies die Berücksichtigung der sogenannten klassischen fünf Weltreligionen (Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus). Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern wird versucht, vergleichende Perspektiven zwischen den Religionen zu entwickeln, z.B. bei Themen wie „Feste und Feiern, „heilige Orte oder „Gotteshäuser unterschiedlicher Religionen (Niedersächsisches Kultusministerium 2017, S. 23). Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten Unterschiede, v.a. aber auch Gemeinsamkeiten der Religionen. Auf den ersten Blick wirkt dies einleuchtend und inkludierend der vorhandenen religiösen Vielfalt, die im Klassenzimmer und der Gesellschaft anzutreffen ist, wird Rechnung getragen, indem alle großen Religionen berücksichtigt und vergleichend betrachtet werden.
Die im vorangegangenen Absatz gewählten Formulierungen deuten allerdings auf eine aus religionswissenschaftlicher Perspektive kritisch zu betrachtende Konzeptualisierung hin. Spricht man z.B. von „den klassischen fünf Weltreligionen, erfolgt damit eine Konstruktion der fünf Weltreligionen als in sich abgeschlossene homogene Einheiten, über die man problemlos generalisierende Aussagen treffen kann zum Beispiel dahingehend, wie die Muslime, die Christen oder auch die Buddhisten über Feste und Feiern denken. Aus religionswissenschaftlicher Perspektive wird hier von dem sogenannten Weltreligionenparadigma gesprochen. Das World Religions Paradigm oder Weltreligionenparadigma (WRP) ist als Konstrukt zu erfassen. „[It] has gained the hegemonic status of a historical, universal‚ common sense‘“ (Cotter/Robertson 2016, S. 10) [and] „typically includes the Big Five of Christianity, Islam, Judaism, Hinduism and Buddhism and moreover, almost always presented in that Abrahamocentric order [] (ebd., S. 2).
Die Problematik des Weltreligionenparadigmas
Das Weltreligionenparadigma steht seit einigen Jahren stark in der Kritik, hält sich jedoch bis heute unreflektiert in kerncurricularen Vorgaben für religionskundliche Themen, u.a. im Fach Werte und Normen/Ethik. Kritisiert wird die Konstruktion von Religion nach einem christozentrischen Weltbild, das stark mit (u.a. kolonialen) Machtstrukturen verflochten ist und somit problematische Zuschreibungen, implizite Wertungen bzw. Hierarchisierungen und Vorannahmen reproduziert. Des Weiteren stärkt es eine sui-generis-Perspektive auf Religion, also eine Perspektive, aus der heraus Religion als natürlich gegeben und aus sich selbst heraus bestehend erfasst wird (vgl. ebd., S. 7).
Das WRP reproduziert ein christliches Verständnis von Religion, das im Zuge des Kolonialismus Verbreitung fand und die Grundlage für die Konstruktion oder Modellierung nichtchristlicher Religionen bildete (vgl. vertiefend hierzu auch Baumann 2012; Masuzawa 2005; McMahan 2012; Cotter u. Robertson 2016, S. 5 –10). Hierbei wurden andere religiöse Traditionen auf Basis des Christentums als Schablone auf vergleichbare religiöse Aspekte hin untersucht und entsprechend remodelliert (vgl. ebd., S 6f.). Die Generalisierung, Homogenisierung und...

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