1. – 13. Schuljahr

Moritz Börnert-Ringleb

Lernverläufe individuell begleiten

Lernverlaufsdiagnostik und Rückmeldungsprozesse verbinden

Lernverlaufsdiagnostik ist eine Möglichkeit, die Entwicklung von Lernenden individuell und kriteriumsorientiert zu begleiten. Die erfasste Lernentwicklung kann dann als Grundlage für Rückmeldungsprozesse dienen. Der Beitrag skizziert zunächst die Relevanz der Berücksichtigung einer individuellen und kriterialen Bezugsnorm für die Leistungsrückmeldung. Anschließend fasst er Eigenschaften und Herausforderungen von Lernverlaufsdiagnostik zusammen.

Diagnostisches Handeln ist eine wesentliche Facette der Lehrkraftprofession in inklusiven Kontexten. So stellt die zunehmende Heterogenität von Lernvoraussetzungen und Lernprozessen Lehrkräfte vor die Herausforderung, individuelle Ausgangslagen zu erfassen und methodisches, didaktisches und fachliches Wissen an die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Schülerinnen und Schüler anzupassen (Wilbert u. Börnert-Ringleb 2015). Neben dem Nutzen diagnostisch erhobener Informationen für die Planung des Unterrichts stellen individuell erfasste Informationen über die Lernprozesse der Lernenden zudem eine wichtige Grundlage für Rückmeldungsprozesse.
Bezugsnormen in der Beurteilung und Rückmeldung von Leistungen
Die Qualität von Rückmeldungs- und Beurteilungsprozessen zu Lernstand und Lernfortschritt ist unter anderem abhängig von der gewählten Referenz bzw. dem angewandten Maßstab in der Interpretation einer beobachteten Leistung. Solche Maßstäbe werden auch als Bezugsnormen bezeichnet. Dabei unterscheidet man zwischen einer sozialen, einer kriterialen und einer individuellen Bezugsnorm (Rheinberg, 2001).
Soziale Bezugsnorm
Bei Anwendung einer sozialen Bezugsnorm wird die Leistung eines Kindes in Bezug zu einer sozialen Gruppe gesetzt. Ein Beispiel hierfür wäre der Vergleich der erzielten Punktzahl in einer Mathearbeit eines Kindes mit den Ergebnissen der anderen Kinder der Klasse und die einhergehende Einordnung der gezeigten Leistung. Insbesondere in inklusiven Handlungsfeldern erscheint ein solches Vorgehen problematisch, da negative soziale Vergleiche einer Betonung und Wertschätzung individueller Lernprozesse entgegenstehen können. Insbesondere für Lernende mit Schwierigkeiten im Lernen stellen ungünstige soziale Vergleiche ein Risiko für die Entwicklung eines geringen Selbstkonzeptes und einer einhergehend geringeren Lernmotivation dar. Diese Prozesse scheinen umso stärker in Kontexten, in denen das allgemeine Leistungsniveau höher als das eigene ist. Dieser Punkt lässt sich durch den sogenannten Fischteicheffekt („Big-fish-little-pond-effect; Marsh 1987) stützen. Nach diesem Effekt entwickeln Lernende mit dem gleichen Kompetenzniveau ein geringeres akademisches Selbstkonzept in Klassen mit höheren durchschnittlichen Leistungen als im Vergleich zu Klassen mit niedrigeren durchschnittlichen Leistungen.
Kriteriale Bezugsnorm
Bei Anwendung einer kriterialen Bezugsnorm wird die beobachtete Leistung eines Kindes in Referenz zu einem definierten Kriterium gesehen. Ein solches Kriterium lässt sich zum Beispiel in Absprache mit dem Kind und den Eltern entwickeln (wie z.B.: „Am Ende des Schuljahres kannst du ohne Fehler im Zahlenraum bis 20 addieren und subtrahieren). Eine beobachtete Leistung wird nun stets in Referenz zu diesem Ziel interpretiert. Im schulischen Alltag sind kriteriale Bezugsnormen häufig bereits durch die Lehrpläne festgelegt und Zielkompetenzen stehen vorab fest. Dabei lässt sich jedoch infrage stellen, ob eine Beurteilung des individuellen Lernerfolgs anhand des Erreichens oder Nichterreichens solcher globalen Lernziele beurteilt werden sollte oder ob es nicht sinnvoller wäre, differenzierte und individuelle Lernziele festzulegen.
Individuelle Bezugsnorm
Bei einer individuellen Bezugsnorm wird die Leistung eines Kindes immer in Referenz zu vorherigen Leistungen des Kindes gesehen. Die Beurteilung einer Leistung...

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