1. – 13. Schuljahr

Petra Reichling

Wenn der Schulhof zum Tatort wird

Verleugnen schützt nur die Täter Erfahrungen einer Düsseldorfer Kommissarin

An vielen Schulen in kritischen Lagen gehört Gewalt zum Alltag. Was können Lehrkräfte und Schulleitungen präventiv gegen Gewalt tun und wie müssen sie reagieren, wenn etwas passiert ist? Eine ausreichende Kenntnis wirkungsvoller Maßnahmen sowie der gesetzlichen Verpflichtungen ist entscheidend.

Nach meiner Erfahrung als Kommissarin in Düsseldorf ist Gewalt an Schulen ein alltägliches Phänomen, das schon seit einiger Zeit durch die Häufung medienwirksamer Ereignisse in den Fokus der Öffentlichkeit gerät. Herausragende Taten, wie Amokläufe, Messerstechereien und Suizide von Kindern und Jugendlichen verunsichern Schülerschaft, Eltern und das Schulpersonal extrem. Bei der Aufarbeitung werden Fragen gestellt, ob und wie man solche Geschehnisse hätte verhindern können, und die Öffentlichkeit, insbesondere in den sozialen Medien, sucht nach den Verantwortlichen.
Jedoch gibt es auch eine Vielzahl von Gewalttaten, die im Verborgenen der Schule begangen werden. Diese geraten oftmals nicht in die Öffentlichkeit. Dabei sind die Folgen fatal: Die Opfer leiden, und das häufig über einen längeren Zeitraum. Ihre Leistungen verschlechtern sich, viele werden still und nicht selten krank. Ihr Selbstwertgefühl, ihre Selbstsicherheit und ihr Wohlbefinden nehmen ab, und das teilweise ein Leben lang. Darüber hinaus scheint eine lange Leidensgeschichte eine Radikalisierung der Betroffenen zu begünstigen.
Was können nun Lehrkräfte und Schulleitungen präventiv gegen Gewalt im Schulalltag tun? Grundvoraussetzung ist eine ausreichende Aus- und Fortbildung des Schulpersonals in Bezug auf das Thema. Die Verantwortlichen müssen in der Lage sein, mit dem Themenkomplex angemessen umzugehen. Vorrangig bedeutet dies: Sie müssen Kenntnis über wirkungsvolle Maßnahmen haben sowie über ihre gesetzlichen Verpflichtungen.
Garantenstellung
Lehrkräfte haben per Vertrag eine sogenannte Garantenstellung, aus der sich eine Garantenpflicht ergibt. Die Garantenpflicht beschreibt die Pflicht dafür einzustehen, dass eine bestimmte Tat nicht eintritt. Entsprechend sind sie dem Schutz der ihnen anvertrauten Personen besonders verpflichtet. Vonseiten des Gesetzgebers wird ein umfassenderes Handeln ihrerseits vorausgesetzt. Sollten sie nicht handeln, um die Verwirklichung eines Delikts zu verhindern, können sie wegen einer Beteiligung an der Straftat durch Unterlassen bestraft werden.
Auch gibt es bestimmte Straftaten, die schon im Vorfeld, vor Begehung, angezeigt werden müssen, sobald sie bekannt werden. Dazu gehören beispielsweise Mord und Totschlag („Amoklauf) und auch bestimmte Raub- und Erpressungsdelikte (z. B. „Abziehen). Eine vollständige Liste findet sich unter §138 Strafgesetzbuch (StGB) Nichtanzeigen geplanter Straftaten (https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__138.html).
In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel gibt es einen gemeinsamen Runderlass verschiedener Ministerien, der die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Polizei regelt (Gemeinsamer Runderlass des Ministeriums des Innern, des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration, des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales, des Ministeriums für Schule und Bildung und des Ministeriums der Justiz vom 19. November 2019).
Verbrechen vs. Vergehen
Eine wichtige Verpflichtung, die sich aus diesem Runderlass ergibt, ist, dass Verbrechen angezeigt werden müssen, bei Vergehen es jedoch im Ermessen der Schule liegt, ob Ordnungsmaßnahmen ausreichend erscheinen. Verbrechen sind rechtswidrige Taten, die im Mindestmaß mit Freiheitsstrafe von einem Jahr oder darüber bedroht sind (§ 12 Strafgesetzbuch (StGB)). Vergehen dagegen sind rechtswidrige Taten, die im Mindestmaß mit nur einer geringeren Freiheitsstrafe oder die mit Geldstrafe bedroht sind.
Auch bei Vergehenstatbeständen kann es jedoch erforderlich sein, die Polizei zu...

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